Drei-Akt-Modell - simpel und effektiv

Wie nutzen wir dieses Modell für unsere eigenen Geschichten? Hat nicht jede Geschichte mehr als nur drei Akte? Was ist mit all dem Stoff, der dazwischen passiert?
Schauen wir uns das mal genauer an.

1.
Akt
Die
Einleitung (Exposition)
Hier,
am Anfang deiner Geschichte, passiert etwas ganz Wichtiges: du packst
die Lesenden am Haken.
Du
stellst ihnen die Hauptfigur(en) vor - deine Chance, Emotionen zu
wecken und Mitgefühl zu etablieren. Du zeigst ihnen die Welt, in der die Geschichte spielt - perfekte Gelegenheit, die Lesenden hineinzuzuiehen. Von hier aus startet das Abenteuer.
Du zeigst ihnen auch das Ziel der Hauptfigur und ihre Motivation. Warum tut sie, was sie tut? Auch der Antagonist wird eingeführt.
Und du packst die Lesenden am Wickel, indem du wichtige Fragen aufwirfst, denen sie auf den Grund gehen wollen – anders ausgedrückt: Fragen, wegen denen sie das Buch nicht mehr weglegen wollen. Auf eine Frage heruntergebrochen: "Bekommt die Hauptfigur das, was sie will?"
Achte darauf, dass die Hauptfigur die erste Figur ist, mit der die Lesenden in Kontakt kommen. Sollte das nicht so sein, sorge dafür, dass das so schnell wie möglich passiert. Sobald eine Figur auftritt – vor allem wenn es die erste ist -, investieren die Lesenden Zeit und Gefühl in diese Figur. Das kann zu Verwirrung führen, wenn sich herausstellt, dass die Figur am Beginn gar nicht so wichtig war.
Der erste Wendepunkt (Plot Point 1)
Am Ende des ersten Aktes ruft das Abenteuer. Die Welt, wie sie zu Beginn eingeführt wurde, steht vor einer Veränderung. Die Hauptfigur darf nicht länger in dieser gewohnten Welt verweilen – die Geschichte geht los, schnallen Sie sich bitte an.
Unsere Hauptfigur ist also in ihrer gewohnten Welt etabliert – hat sie eigentlich einen guten Grund, diese gewohnte Welt zu verlassen?
Eigentlich nicht, wenn du diese Welt gemütlich und konfliktfrei gestaltet hast, oder?
Und wenn du die gewohnte Welt so übel gestaltet hast, dass kein normaler Mensch weiter dort leben möchte, fragt man sich, wieso die Figur nicht längst ausgebrochen ist.
Also musst du der Figur jetzt etwas geben: einen guten Grund, (endlich) diese Welt zu verlassen.
Das kann eine Naturkatastrophe sein oder ein Gegenstand, der die Neugierde der Figur entfacht, z.B. ein magisches Buch oder eine mysteriöse fremde Person – ein "Ruf zum Abenteuer" eben, den wir aus der "Heldenreise" kennen.
Überlege dir etwas, das der Figur keine Chance lässt, in der alten Welt zu verbleiben. Niemand will lesen " … Als Tina erkannte, dass sie die Welt retten /ihren Crush erobern konnte, kehrte sie zurück auf ihr Zimmer und las ein Buch, wie sie es immer tat."
Zu Beginn haben wir dafür gesorgt, dass sich die Lesenden mit unserer Hauptfigur verbünden. Sie fühlen mit, identifizieren sich vielleicht sogar mit ihr. Das heißt, wir müssen der Figur einen Grund bieten, weshalb auch die Lesenden diese Welt jetzt verlassen würden. Etwas, das ihnen Lust auf ein Abenteuer macht, den Helden in ihnen weckt. ("Also, wenn DAS geschieht, würde auch ich losziehen.")

2.
Akt
Der
Hauptteil (Konfrontation)
Der zweite Akt ist in der Regel der längste und komplexeste Teil der Geschichte. Der zentrale Konflikt steht im Fokus und entwickelt sich, die Figuren kriegen es mit immer schwierigeren Situationen zu tun und der Druck wächst stetig.
Jede Menge Action also. Die Hauptfigur handelt, sie kämpft, sie verliert, sie holt sich Verbündete, sie wächst. Hier passiert die Entwicklung, the story rolls on – und hier ist der Bogen zum Zerreissen gespannt. Aber wieso eigentlich?
Weil wir in der ersten Hälfte des zweiten Aktes dafür gesorgt haben, dass der Kampf aussichtslos erscheint. Der Held kann nicht gewinnen, die Figur tappt im Dunkeln, der Feind scheint übermächtig. Doch die Figur kämpft weiter.
Unsere Lesenden sind geschichtenerfahren; die wissen genau, dass dieser Zustand irgendwann überwunden sein wird. Sie wissen, dass der Held gewinnt – sie haben jetzt aber noch keinen Schimmer, wie. Also müssen sie unbedingt weiterlesen. Das Buch weglegen? No way.
Damit die Hauptfigur nicht komplett lost ist, brauchen wir zwei Dinge:
Erstens
das Bewusstsein, dass die Figur erst mal nur von der Hoffnung auf
Sieg lebt. Denn der entscheidende Punkt zum Sieg fehlt.
Und zweitens das Wissen, dass alles, was die Figur erlebt, zu ihrer Entwicklung beiträgt. Denn fehlt das letzte Quentchen zum Sieg, muss sie sich dahin entwickeln. Ihr einfach das mächtige Schwert in die Hand zu drücken oder den Crush auf wundersame Weise zu bekehren, dass sie die einzig Richtige ist, langweilt im besten Falle. Und von einem wirklich aussichtslosen Kampf will auch niemand lesen. Heißt: alles, was deine Hauptfigur erlebt, dient ihrer Entwicklung. Führt sie auf den Sieg zu, auch wenn sich das für sie nicht so anfühlt.
Midpoint
Der Midpoint teilt den zweiten Akt in zwei Hälften.
Jetzt ist es endlich soweit: Unsere Hauptfigur erhält das, was es zum Sieg braucht.
Es ist noch nicht der Sieg, nicht der Crush, nicht die Rettung der Welt. Nein. Aber es ist das letzte Quentchen, von dem ich oben gesprochen habe. Z.B. eine Erkenntnis, die es ihr ermöglicht, die Sache aus einer anderen Richtung anzugehen. Die Entwicklung, die sie durchgemacht hat, ermöglicht ihr jetzt die richtigen Handgriffe, die es braucht, den Sieg zu erlangen. Nun ist es ihr möglich, den zentralen Konflikt zu lösen. Der Höhepunkt des Spannungsbogens ist erreicht.
Der zweite Wendepunkt (Plotpoint 2)
Noch eine Wendung? Wieso das?
Ganz logisch: Ab jetzt ist alles anders. Der Midpoint (die Erkenntnis) hat die Welt verändert. Und das läutet logischerweise eine Wendung ein.
Nachdem Sarah jahrelang versucht hat, dem Geheimnis des verlorenen Familienerbes auf die Spur zu kommen, entdeckt sie das versteckte Tagebuch ihres Großvaters. Darin findet sie eine überraschende Wahrheit (Midpoint): der wahre Erbe des Vermögens ist nicht ihr Bruder, sondern sie selbst.
Diese Entdeckung zwingt sie jetzt, sich mit neuen Konflikten auseinanderzusetzen. Mit dem neuen Wissen, das sie nun hat, geht sie diese Konflikte anders an als zuvor.

3.
Akt
Das
Ende (Auflösung, Ende)
Nun wird der Konflikt gelöst. Die Fragen, die wir zu Beginn aufgeworfen haben, werden beantwortet. Wird Tina ihre große Liebe finden? Wird Sarah das Familienerbe finden?
Daran siehst du, dass der erste und der dritte Akt unmittelbar miteinander verknüpft sind. Hast du also Schwierigkeiten, die Probleme im dritten Akt zu lösen, schau dir nochmal den ersten Akt an. Wie hast du den Konflikt aufgebaut? Besteht überhaupt die Möglichkeit, den Sieg zu erringen?
Beispiel für eine Korrektur im ersten Akt, wenn der dritte nicht gut funktioniert:
Nehmen wir an, Max hat einen kleinen Laden. Dieser Laden steht am Rande der Stadt und ist bedroht, weil in der Nähe ein großes Kaufhaus eröffnet wird. Max kämpft gegen die Konkurrenz, doch du hast versäumt, im ersten Akt die Bedeutung des Ladens für die Bewohner deutlich zu machen.
Dann passiert im dritten Akt folgendes:
Max kämpft verzweifelt gegen die Konkurrenz, doch ohne klare Darstellung der Bedeutung seines Ladens verlaufen seine Bemühungen im Nichts. Die Lesenden wissen nicht, wieso er sich so reinhängt und der Konflikt löst sich nicht zufriedenstellend, weil du die emotionalen und praktischen Gründe für Maxens Kampf nicht ausreichend dargestellt und entwickelt hast.
Was tun?
Du führst Max im ersten Akt ein, indem er leidenschaftlich daran arbeitet, besondere handgemachte Produkte anzubieten, vielleicht regional, um die Verbindung zu den Bewohnern darzustellen. Er organisiert Straßenfeste für regionale Händler:innen und schafft so Verbundenheit. Die Bedeutung seines Ladens ist klar.
Jetzt passiert im dritten Akt folgendes:
Nun ist den Lesenden klar, wieso der Laden für die Gemeinde so wichtig ist. Max nutzt dies, um die Leute zu mobilisieren. Er startet eine Kampagne, stellt das Kaufhaus in den Schatten, indem er das ins Feld führt, was seinen Laden ausmacht und was das Kaufhaus nicht hat – wahrscheinlich Ethik und natürlich die einzigartigen Produkte.
Wie löst sich der Konflikt?
Indem die Gemeinde Max unterstützt und der
Laden bestehen bleibt.

Was ist im dritten Akt noch zu tun?
Du führst alle Nebenhandlungen zusammen, du löst sämtliche Konflikte auf und machst klar, welche Konsequenzen der Sieg oder der Verlust über die antagonistische Kraft hat.
Hast
du dich für ein Happy End entschieden, darfst du die heile Welt
jetzt in all ihrer Pracht zeigen.
Hast
du dich gegen ein Happy End entschieden, darfst du die alles andere
als heile Welt in all ihrer Pracht zeigen.
Du
darfst hier Cliffhanger setzen, die Lust auf den zweiten Band machen,
du darfst das Ende offen halten (sofern du trotzdem klar machst, in
welche Richtung das Ende abzielt) und du darfst ein weises
Schlusswort einsetzen, wenn du magst.

Jede Geschichte hat einen Anfang, einen Hauptteil und ein Ende. Das macht das Drei-Akt-Modell universell anwendbar und du kannst dich vor dieser Grundlage kreativ ausleben.
Viel Spaß beim Austoben.
Alles
Liebe
Nica
